Jörg-Dietrich Immendorff wurde am 14.6.1945 in der Dorfschmiede Bleckede, Lauenburger Straße 7, im ersten Stock des Hauses unter einer Dachschräge geboren.
Seine Mutter Irene, geboren 1923, war die Tochter eines Hamburger Elbfischers mit Namen Mewes, der in Bleckede Postbote wurde. Immendorffs Vater Armin-Dietrich Ernst Otto Alfred (*1921) wurde 1940 mit 19 Jahren aus der Obersekunda in die Wehrmacht eingezogen. Er war ein hervorragender Reiter und wurde Kavallerieoffizier der Reichswehr.
Die Eltern hatten sich im Herbst 1944 in Lüneburg kennengelernt, wo Irene für die Militärverwaltung als Sekretärin tätig war. Die beiden jungen Leute (Er 23, sie 21) stürzten sich wohl angesichts der nahenden Kriegsfront in eine lebensbejahende heftige Liebesbeziehung. Irene wurde schwanger, am 24.3.1945 heirateten Armin-Dietrich und Irene.
1945 - was war da los in Bleckede?
Knapp zwei Monate vor Immendorffs Geburt hatten die Engländer am 22.4.1945 Bleckede eingenommen. Vorausgegangen waren heftige Kämpfe deutscher Truppen und SS-Einheiten, die sich über die Elbe nach Schleswig-Holstein retten wollten. Große Teile Bleckedes wurden verwüstet, und in den bewohnbaren Häusern drängten sich die Menschen, die vor der roten Armee geflüchtet waren. Die Amerikaner verlegten von der Bleckeder Hafeneinfahrt eine Schwimmbrücke zum anderen Ufer der Elbe und die Alliierten setzten ihren Vormarsch nach Osten fort.
Das Regiment des Vaters legte am 9.6.45 in Klagenfurt die Waffen nieder. Armin Dietrich Immendorff kam in Gefangenschaft, wurde aber bereits am 23.6.45 wieder entlassen und kehrte nach Bleckede zurück. Da war Jörg gerade 9 Tage alt.
Kindheit und Einschulung
Bei seiner Geburt war der Junge untergewichtig. Er überlebte nur knapp und kränkelte oft. 1946 wurde er in der Kirche St. Jacobi zu Bleckede getauft. Mutter und Sohn zogen nach Bad Pyrmont in das Haus des Großvaters Dr. Georg Immendorff - ehemaliger Kavallerieoffizier der Kaiserlichen Südwest-Afrikanischen Schutztruppen und jetzt, nach dem Krieg, Tierarzt und Reitschulleiter. Wenig später erhielt der Vater eine Anstellung im Buchhandel, 1947 als Zollbetriebsassistent in Emden. Mutter und Sohn folgten dem Vater bis zuletzt nach Borkum, kehrten dann aber auf Drängen der Mutter 1950 nach Bleckede zurück. Dort erlebte der kleine Jörg im Kreis der Familie seiner Mutter Geborgenheit, er beschrieb diese Zeit als die glücklichste seiner Kindheit. Die Beziehung zu seiner Mutter war bis zu seinem Tod immer eng. Das Verhältnis zum Vater blieb distanziert. 1955 kam Jörg auf die Volksschule.
Trauma: Verschickung in den Schwarzwald; Trennung der Eltern
Wie so viele geschwächte Kinder dieser Zeit wurde Jörg zur Kur in den Schwarzwald geschickt, vermutlich für zwei Monate im Jahr 1956. Viele Kinder litten in dieser Zeit sicherlich auch, weil die Familie mehr getrennt als zusammen lebte. Zudem herrschte in vielen Heimen, die auch nach dem Krieg von Ärzten mit nationalsozialistischem Hintergrund geleitet wurden, militärischer Drill und Härte. Als Jörg wieder nach Bleckede kam – er war 11 Jahre alt - hatten sich seine Eltern getrennt und ließen sich 1957 scheiden. Dies blieb für ihn das schmerzhafteste Erlebnis seines Lebens.
Die Zeit in Bonn
1957 kam Jörg auf das Internat ‚Institut Kalkuhl‘ in Bonn-Beuel, vermutlich weil seine Mutter Aussicht auf eine Stelle als Sekretärin in Bonn hatte, die sie 1958 auch – im Wirtschaftsministerium – antrat. Jörg war dann nicht mehr Internatszögling, blieb aber in der Privatschule ‚Ernst-Kalkuhl-Gymnasium‘ und wohnte wieder bei der Mutter. Der Vater wurde zu dieser Zeit Hauptmann eines Panzerbataillons der Bundeswehr in Koblenz. In der Schule fiel der eher stille Junge durch seine zeichnerischen und malerischen Talente auf. Er fertigte Illustrationen für die Schülerzeitung ‚Unsere Welt‘ an, gestaltete das Bühnenbild für die Aufführung des ‚Sommernachtstraum‘ zum 80sten Jubiläum der Schule und besorgte eine erste Ausstellung seiner Werke im Bonner 'New Orleans Club'. (externer link zum Ernst-Kalkuhl-Gymnasium)
Schülerzeitung Ernst-Kalkuhl-Gymnasium Bonn; Titel und Text Jörg Immendorff
In dieser Zeit ist er auch wieder in Bleckede und malt dort für einen Bleckeder Unternehmer ein Elbbild.
Kunstakademie Düsseldorf - Der Weg zu Beuys
Es wurde Eltern und Lehrern klar, dass Jörg den Weg der Kunst gehen wollte. Alle anderen Schulfächer interessierten ihn nicht. Die Verbindung seines Kunstlehrers zur Düsseldorfer Kunstakademie – er hatte dort selbst studiert – spielte mit eine Rolle bei der Wahl des Ausbildungsortes. Frau Dr. Born, die Klassenlehrerin von Jörg, schrieb 1963 die Worte auf sein Abgangszeugnis: „Jörg verlässt unser Gymnasium, um die Kunstakademie in Düsseldorf zu besuchen.“
Er begann in der Klasse ‚Bühnenkunst‘ bei Theo Otto, überwarf sich aber mit seinem Lehrer nach drei Semestern und fragte bei Joseph Beuys an, der erst kritisch gegenüber Immendorff war, ihn dann aber doch 1964 in seine Klasse, das 'Sammelbecken für Unangepasste‘ aufnahm. Beuys wurde für Jörg Immendorff zum Übervater.
Kunst in den 60ern und die Bedeutung von Beuys
Düsseldorf war in den 1960er Jahren ein Zentrum moderner Kunst mit namhaften Persönlichkeiten unter Lehrern und Studierenden: Ewald Mataré, Joseph Beuys, Günter Grass, Gerhard Richter, Sigmar Polke, HA Schult, Markus Lüpertz, Günther Uecker, Heinz Mack, Katharina Sieverding, Blinky Palermo und viele andere mehr. Die in der Folge des 2. Weltkriegs und des Wiederaufbaus entstandenen Protestbewegungen (Ostermärsche, 68er) wirkten auch auf die Kunstszene. Die Fluxus-Bewegung und viele Aktionen und Performances zeigten eine veränderte, politischere Kunstauffassung.
Joseph Beuys wirkte mit seinen Aktionen für direkte Demokratie sowohl in den Kulturbereich als auch in die Gesellschaft hinein.
"Hört auf zu malen!"
Auch Jörg Immendorff wird von dieser kreativen Unruhe erfasst und ist unzufrieden mit der Arbeit an der Staffelei, was sich auch in einer Verstimmung zwischen Schüler und Lehrer zeigt. Eines Tages gibt er seinen Gefühlen Ausdruck, indem er ein gerade gemaltes Bild mit dem Pinsel durchstreicht und darauf schreibt: „Hört auf zu malen.“ Beuys sieht dies und sagt: „Laß das so, Jörg. Superbild.“ Das durchgestrichene Bild zeigt einen Hutständer mit Beuys Hut. Immendorff beginnt mehr und mehr, in Aktionen und Performances seine künstlerische Richtung zu finden.
'LIDL'-Aktionen und Politisierung
Seine wesentlich ältere Mitstudentin Chris Reinecke und er heiraten 1965 und führen in den Jahren 1968 bis 1970 verschiedene Aktionsprojekte unter dem der Babysprache entnommenen sinnfreien Wort 'LIDL' durch. Immendorff inszeniert sich immer mehr als Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse. Er engagiert sich in der APO (Außerparlamentarische Opposition), wird Mitglied der KPD/ML (maoistische Linke), des nationalen Vietnam-Komitees und geht in die Vereinigung sozialistischer Kulturschaffender (VSK). LIDL wird immer mehr der Rahmen für seinen persönlichen Auftritt. Die Beziehung kriselt.
Rausschmiss aus der Akademie
Er erhält schließlich einen Verweis von der Akademie aufgrund seiner provokanten neodadaistischen Politaktionen. So ging er mit einem Holzklotz an der Leine in Bonn vor dem Bundeshaus auf und ab, als Demonstration gegen die „geistlose und unschöpferische Politik“ der Bundesregierung. Der Holzklotz war in den Staatsfarben Schwarz-Rot-Gold gestrichen, ein Grund für die Polizei, den Klotz mit der Begründung zu beschlagnahmen, durch den Farbabrieb würde die Nationalflagge beleidigt. externer Link zum Museum of Modern Art: Lidl-Klotz Später wurde der Künstler noch vom Staatsschutz wegen „Verunglimpfung der Bundesrepublik Deutschland“ verhört.
Ende einer Ehe
Die Zentrierung der LIDL-Aktivitäten auf sich selbst führte schließlich zum Bruch der Ehe 1970. Damit fiel auch ein großer Teil der Unterstützung durch Chris Reinecke fort, Immendorff brauchte ständig Geld. Die Galerie Werner erwarb fast sein gesamtes Frühwerk. Eine Ausstellung bei Werner machte ihn bekannter, löste aber noch nicht seine Finanzprobleme.
externer Link: Immendorff in der Galerie Werner
Lehrertätigkeit und zaghafte Erfolge
Nach mehreren gescheiterten Versuchen, sich als freier Kunsterzieher über Wasser zu halten, erhielt er schließlich eine Anstellung als Kunst-Erzieher bei der Dumont-Lindemann-Hauptschule in Düsseldorf, die er bis 1980 innehatte. Hier entwickelte er seinen propagandistischen Polit-Plakatstil, der später in seine bekannte Werkfolge „Café Deutschland“ (ab Mitte der 70er) und ähnlich andere Projekte führte. Die ihn leitende Programmatik beschrieb er in dem Band „Hier und Jetzt“. externer Link: Digitale Sammlung Staedel-Museum: Bild 'Für wen?'
1972, mit 27 Jahren, nimmt er erstmals an der documenta 5 in Kassel teil und wird auch international bekannter.
Erneutes Trauma
Der Selbstmord seines Vaters im Dezember 1974 erschüttert ihn aufs Neue. Obwohl das Verhältnis zwischen Vater und Sohn sehr distanziert war, hat sich Immendorff immer wieder gewünscht, dem Vater näher zu kommen, ihre Beziehung zu klären und wichtige Fragen beantwortet zu bekommen. Diese Möglichkeit ging endgültig verloren und hinterließ beim Sohn „ein Loch“, eine Wunde. Der Wunsch nach Respekt und Zuwendung durch den Vater blieb unerfüllt.
Deutsche Teilung und A.R.Penck
Auf Anregung des Galeristen Werner lernt Immendorff 1976 A.R.Penck (eigentlich: Ralf Winkler) kennen, einen ostdeutschen Kunstanarcho, und bald entwickelt sich zwischen diesen beiden unangepassten und in ihren jeweiligen Ländern kritisch beäugten Künstlern eine Freundschaft, die zu einer Reihe gemeinsamer Werkreihen und Ausstellungen führte. Die Teilung Deutschlands nahmen die beiden Außenseiter aus Ost und West kreativ auf und inszenierten sich als Gegner der Grenzen. Mit Penck nimmt er auch an der Biennale in Venedig teil.
Café Deutschland
Renato Guttusos Bild ‚Caffé Greco‘, das Immendorff 1977 auf einer Ausstellung in Köln sieht, inspiriert ihn zu einer anderen Darstellungsform als die bisherigen ‚Agitprop‘-Gemälde. Ähnlich wie Guttuso stellt er bekannte Personen in einen fiktiven gemeinsamen Kontext, verbindet dies aber zudem mit Symbolen und versteckten Verweisen in den Bildern. Im Bild ‚Café Deutschland‘ versammelt er Erich Honecker und Helmut Schmidt, Brecht und Penck mit einfachem Volk in einem Lokal, einem Raum, der voll ist mit Anspielungen und Symbolen der deutschen Geschichte. Weitere Bilder dieser Art folgen, darunter ‚Brandenburger Tor‘.
externer Link: MoMA: Cafe Deutschland - Teilbau III
Teilbau Bleckede
1979 schlägt er seiner Heimatstadt Bleckede vor, ein Doppelbild am Hafen zu installieren: Teilbau Bleckede. „Das 3,10 mal 2,20 Meter große Gemälde zeigt auf der »West-Seite« Verfassungsschützer, die Akten in eine überdimensionale Mühle tragen, deren äußere Form an dass Warnsymbol für Atomkraft erinnert und das den Schatten eines zerzausten Bundesadlers wirft. Auf der »Ost-Seite« sind Hammer und Zirkel zu einer Art Schraubzwinge umgestaltet, deren Schrauben bedrohlich auf das Licht einer Kerze gerichtet sind. Neben dem Symbol steht eine massige Gestalt im Ledermantel, die einen Stasi-Agenten symbolisieren soll.“ (Riegel, 2010, 133)
Skizzen zu Teilbau Bleckede
Auf einer Holztafel beschreibt er die Idee und Botschaft der Bilder Teilbau Bleckede Ost und West.
Mit Ernst Tipke, dem Leiter der Heimvolkshochschule im Schloß Bleckede, gewinnt er einen energischen Unterstützer für seine Aktion. Das Interesse auf Seiten der Stadt ist allerdings begrenzt. Man betrachtet distanziert das Vorhaben und fürchtet, dass das Bild provozieren könnte. Bei der Installation sind nur wenige Personen anwesend. Wenig später wird das Bild beschädigt. Immendorff erfährt dies durch Ernst Tipke und baut wütend das Bild wieder ab. Der Verbleib ist ungeklärt. 2024 erscheint die Ostseite von 'Teilbau Bleckede' auf einer Auktion des Londoner Auktionshauses Sotheby’s und erzielt 214.200 britische Pfund, ca. 243.000 Euro. Hier das Bild mit weiteren interessanten Informationen und Fotos zur Aktion in Bleckede. externer Link: Teilbau Bleckede bei Sotheby's
Zur 800-Jahr-Feier der Stadt Bleckede 2009 wurde eine originalgroße Rekonstruktion der Immendorff-Bilder auf der Basis zweier Fotografien des Stern-Reporters Bernd Jansen für eine Ausstellung zum Thema ‚Grenze‘ angefertigt. Wiederum initiiert von Ernst Tipke und von einer Gruppe von Bürgern finanziert. Auch diese Bilder wurden beschädigt, in den städtischen Bauhof gebracht und sind nicht mehr aufzufinden.
Repros nach Fotografien zu Teilbau Bleckede
Auf dem Weg zum Ruhm
Immendorffs Wandel in der Malerei wird zurückhaltend aufgenommen. Ihm wird Naivität in der Darstellung vorgeworfen, er wird als ‚Historienmaler‘ eingeordnet und seine technischen Mängel entweder als Raffinesse oder als Unfähigkeit gesehen. Dennoch oder gerade deswegen wird er immer bekannter. Mit mehreren Ausstellungen auch im Ausland etabliert sich Immendorff international.
Trotz seiner zielgerichteten, intensiven und disziplinierten Arbeit bricht immer wieder sein unangepasstes und provokantes Wesen hervor. In der Zeit eines Lehrauftrags in Hamburg lernt er den Kiez kennen und verbringt in der La-Paloma-Bar auf St.-Pauli viel Zeit mit und in der Szene des Rotlicht-Viertels. Er pachtet die Bar La Paloma und macht aus ihr einen illustren Treffpunkt für die Kiezgrößen und die Prominenz Hamburgs, darunter auch aus der Politik. In der ganzen Bar hingen Originale von ihm und seinen Künstlerkollegen.
Immendorff genießt das wilde Leben, arbeitet zugleich ständig. Er malt große Formate in intensiven Farben, entwirft Bühnenbilder und Kostüme (für eine Aufführung von Strauss’ Elektra im Bremer Stadttheater), er formt eine Plastik von Hans Albers. Die 80er Jahre bringen für Immendorff den kommerziellen Durchbruch. Hatte er in früheren Jahren trotz Unterstützung durch die Galerie Werner und einige Ausstellungen eher bescheidene Einkünfte, weil seine Werke kaum gekauft wurden, ist er jetzt ein gefragter Künstler. Das ist auch dem Netzwerk von Galerien zu verdanken, allen voran Werner, der Immendorff ‚pusht‘. Ebenso trägt dazu bei, dass eine Gruppe von Künstlern nach einer Ausstellung in Aachen als „Neue Wilde“ bezeichnet werden. Zu Ihnen werden neben Markus Lüpertz, Georg Baselitz, Julian Schnabel und anderen auch A.R.Penck und Jörg Immendorff gezählt.
In den 80er Jahren taucht erstmals der Affe in Immendorffs Bildern auf. Wie die Biene (Imme) sind diese beiden Motive symbolisch aufgeladen und verweisen auf die Innenwelt des Malers, die er nur in Metaphern andeutet: Der Affe als Dämon, der dem Maler auf dem Rücken hockt. Die Biene als Symbol für Seele und Leben nach dem Tod.
Affe/Immendorff an der Hand von Beyus, Foto: Kürschner (Wikipedia, 26.6.2026)
Das politisch aufgeladene Café Deutschland-Thema hat sich inzwischen ‚leergelaufen‘. Immendorff nähert sich der Düsseldorfer Schickeria, wechselt sein Outfit. Aus der Lederkutte des Revoluzzers steigt er aus und in einen dunklen Zweireiher. Sein Kollege Markus Lüpertz erhält 1986 eine Professur an der Düsseldorfer Akademie und übernimmt zwei Jahre später die Leitung, die er 20 Jahre innehat. Lüpertz und Immendorff lassen sich in der Düsseldorfer ‚Schicki-Micki-Szene‘ (Autobiograph Riegel) auf die Spielregeln der Mediengesellschaft ein und genießen die Aufmerksamkeit und den Glamour der Reichen. Der Maler ist auf der Suche nach neuen Themen und bedient sich öfter bei bekannten Werken der alten Meister, die er zitiert und deren Themen er auf seine Weise verarbeitet.
Der Ritterschlag: die Professur
Mit dem Zyklus ‚Café de Flore‘ übernimmt er Malweise und Bildidee von Max Ernst, einem bedeutenden Maler des Surrealismus. Auf der Leinwand versammelt er etliche bekannte Künstler und deren Freunde, darunter auch Max Ernst, Otto Dix, Max Beckmann, und sich selbst. Auch diese Werke werden sehr unterschiedlich bewertet. Aber: 1989 erhält er eine Professur an der Städelschule in Frankfurt.
Am Ziel: Professor an der Kunstakademie
Der aufwändige Lebensstil muss bezahlt werden. Gegen den Rat seines Galeristen Werner lässt er Werke in größerer Stückzahl reproduzieren und signiert sie. Diese Vermarktungspolitik behält er bis zu seinem Tod bei.
Mit dem Bühnenbild zu ‚The Rake‘s Progress’, einer Oper von Strawinsky, liefert er nach Meinung einiger Kritiker sein ehrlichstes Werk. Die Hauptfigur Rakewell, ein ruhmsüchtiger und geldgieriger Wüstling, wird vom Autor William Hogarth als Beispiel für moralische Verrohung vorgeführt. Immendorff ist fasziniert und stürzt sich in die Arbeit. Auch hier bedient er sich aus seinem ‚Fundus‘ bisheriger Arbeiten und fügt viele sexuelle Symbole hinzu. „Selten in seinem Leben hat Immendorff einen freimütigeren Blick auf die Hinterbühne seines Daseins erlaubt als in den Zeichnungen und Gemälden jener Phase.“ (Riegel, 288) Er ist jetzt auf der Höhe seiner Kunst und international intensiv nachgefragt und anerkannt.
1996 wird er Professor an der Düsseldorfer Akademie.
Diagnose ALS
Im Frühjahr 1998 bemerkt Immendorff ein Zittern seines Armes beim Malen, das mit der Zeit stärker wird. Nach mehreren Arztbesuchen erhält er die Diagnose ALS mit der Prognose des absehbaren Todes. Immendorff ist geschockt und wütend auf den Arzt. Er lässt nichts unversucht, um die tödliche Krankheit aufzuhalten oder zumindest den Prozess zu verlangsamen. Er reist zu Ärzten und Heilern auf verschiedenen Kontinenten und unterwirft sich teilweise spektakulären und obskuren Therapieversuchen.
Da er immer weniger selbst malen kann, beschäftigt er seine Studenten und Assistenten, Bilder nach seiner Anweisung zu malen. Der Malstil verändert sich. Die frühere Farbigkeit ist einem monochromen Stil gewichen: fahle Gewebeabdrücke im Hintergrund, graue Abstufungen, klassische Statuen, andere Zitate aus der Kunstgeschichte. Aber die Produktivität der Marke ‚Immendorff‘ wächst. Seine Assistenten arbeiten Tag für Tag an immer neuen Entwürfen, deren Bearbeitung er zuletzt aus seinem Rollstuhl heraus steuert und kontrolliert.
(externer Link: Repro von 2006 bei Bares für Rares)
Die Bedeutung der Familie
Die Familienstruktur und -dynamik des Systems von Vater Armin-Dietrich, Mutter Irene und Sohn Jörg-Dietrich, vorsichtig erweitert um die Generationen der väterlichen und mütterlichen Seite, wird von einigen Autoren und Kommentatoren, darunter Hans Peter Riegel, dem Biographen, ansatzweise für ein Verständnis der Person Jörg Immendorff herangezogen. Immendorff wird als widersprüchlich, wechselhaft, oberflächlich, exaltiert, dann wieder introvertiert, nachdenklich und grüblerisch beschrieben. Auch in der Beurteilung der Qualität seiner Kunst gibt es teilweise sehr unterschiedliche Wertungen.
Die Vater-Sohn-Beziehung, die eigentlich keine war, mag mit dazu beigetragen haben. In der ganzen Lebensgeschichte ist die gesamte väterliche Seite nur in der frühen Kindheit präsent. Die gesamte mütterliche Seite erlebte Immendorff als zugewandt und behütend: Die Verwandtschaft der Mutter hat sich immer gekümmert.
Frauen spielten eine besondere Rolle in Immendorffs Leben, allen voran seine Mutter Irene. Die ihm gegenüber einige Jahre ältere Kommilitonin Chris Reinecke ‚bemutterte‘ ihn in seinen frühen Jahren, war zunächst ‚auf gleicher Höhe‘ als Mitbegründerin des Aktionskonzepts LIDL, zog sich aber dann zurück und ließ sich scheiden, als Immendorff LIDL als sein eigenes Werk ‚okkupierte‘.
In der Zeit nach dem Selbstmord des Vaters sorgte Ulrike Harbig ab 1976 für ihn und gab ihm gewisse Stabilität, ein bescheidenes bürgerliches Leben. Die Beziehung endet sechs Jahre später, als Immendorff erste Erfolge hat und in seine Ichbezogenheit zurückfällt.
Oda und Ida
1998 beginnt die 19jährige Michaela Danowska ihr Studium an der Akademie Düsseldorf und wird nach einem Jahr Immendorffs Schülerin. Immendorff kennt die ärztliche Prognose: nur noch drei Jahre bleiben ihm. In diesem Jahr wird zudem ein Sohn aus der Beziehung mit der Düsseldorfer Modedesignerin Marie-Josephine Lynen geboren. „Er muss sich in einer emotionalen Extremsituation befunden haben, als er die kindhafte Frau von berückender Schönheit kennen lernte“, vermutet der Biograph Riegel über die sich anbahnende Beziehung zwischen dem 54-jährigen und der 35 Jahre jüngeren Schülerin. (Riegel, 248)
2000 heiraten Immendorff und Danovska. Sie möchte anders heißen, da Mitglieder ihrer Familie unter dem Namen Danovska ebenfalls künstlerisch tätig sind und bittet Immendorff darum, ihr einen neuen Namen zu geben. Er nennt sie Oda Jaune. (Oda, althochdeutsch = Schatz); Jaune, französisch = die Farbe Gelb, Immendorffs Lieblingsfarbe)
2001 wird die gemeinsame Tochter Ida geboren.
Finale
Die letzten Jahre Immendorffs sind geprägt von einer unbändigen Arbeitswut, verzweifelten Versuchen, die Krankheit aufzuhalten, einer bösartig von den Medien ausgeschlachteten Eskapade eines halb Gelähmten mit Rauschgift und Prostituierten, dem Auftrag eines Bundeskanzlers a.D. und einer Ausstellung in der Nationalgalerie in Berlin, die von etlichen Kennern als grandios bezeichnet wird. (externer link zur Besprechung der Ausstellung)
Seine Frau Oda und Tochter Ida sind sein Strohhalm, an den er sich klammert.
Am 28. Mai 2007 stirbt Jörg Immendorff durch Herzstillstand um 2 Uhr morgens.
Nachträge
Nach dem Ende der Aktion Teilbau Bleckede mit einer Ausstellung im Bleckeder Schloß 1979 besuchte Immendorff immer wieder seine Mutter in Bleckede, zuletzt mit seiner Frau Oda Jaune und der Tochter Ida.
Am 27. Mai 2001 sollte ein Empfang im Bleckeder Schloß im Rahmen des ‚Musikalischen Frühlings‘ stattfinden, wo der Künstler sich in das Gästebuch der Stadt eintragen würde. Diese Veranstaltung wurde abgesagt.
Der Kreis Lüneburg und die Stadt Bleckede berieten über geeignete Formen, den berühmten Sohn der Region zu würdigen, konnten sich aber nicht entscheiden.
Ernst Tipke, damals Leiter der Heimvolkshochschule Bleckede, schrieb immer wieder an Immendorff und schlug vor, eine Ausstellung seiner Werke in Bleckede durchzuführen. Er setzte sich zudem 2007 für eine Würdigungstafel für Immendorff an dessen Geburtshaus in der Lauenburger Straße ein und wollte diese am Vorabend seines Geburtstages am 13.6.2007 anbringen lassen. Diese Ehrung erlebte Immendorff nicht mehr.
Tipke wollte angesichts der Untätigkeit von Kreis und Stadt im Rahmen der 800-Jahrfeier Bleckedes 2009 eine „Anerkennung des Werkes und der Arbeit“ von Jörg Immendorff im Rahmen einer Arbeitsgruppe organisieren. Dazu ließ er eine Reproduktion der beiden Seiten des Großgemäldes ‚Teilbau Bleckede‘ auf der Basis der Fotos von 1979 (Fotograf Bernd Jansen) in Originalgröße auf Plane ziehen und stellte dieses Doppelbild vor dem Geburtshaus von Immendorff im Rahmen der Werkschau ‚Grenze‘ mit den Werken drei anderer Künstler auf. Der Verbleib dieser (teuren) Reproduktion ist ungeklärt. Ebenfalls zur 800-Jahr-Feier veranstaltete das Gerhard Fietz-Haus in Göddingen eine Ausstellung mit Werken Jörg Immendorffs.
Die Person Jörg Immendorff
Es ist schwer, sich ein zutreffendes Bild dieses Menschen zu machen. Immendorff zeigte sich als widersprüchlicher Charakter. Bereits in Bezug auf seine Jugend wird er unterschiedlich beschrieben. Für die einen war er eher in sich zurückgezogen, andere sehen ihn extrovertiert und darstellerisch. Unterschiedlichste Reaktionen von Seiten der Kritik und der Gesellschaft sind für die Jahre seiner Entwicklung bis hin zum ‚Malerfürsten‘ kennzeichnend.
Er bot mit seinen wechselnden und auffälligen Formen seines Auftritts in der Gesellschaft, aber auch mit seinem Werk genügend Anlässe für schwärmerische Anerkennung und vernichtende Kritik. Auf der einen Seite ‚revolutionäre‘ Selbstdarstellung in schwarzem Leder, Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Dann wieder dandyhaftes Gehabe, demonstrative Darstellung des erworbenen Reichtums und Umgang mit der ‚upper class‘.
Immendorff lässt sich eben nicht auf eine einfache Formel reduzieren.
Was können wir heute von Immendorff lernen?
Bemerkenswert ist seine frühe klare Entscheidung, malen zu wollen. Mit 16 geht er an die Akademie nach Düsseldorf. Er macht sich keine Gedanken über seine ökonomische Zukunft, über Sicherheit im Leben, er hat ein Ziel. Er hat aber auch den Rückhalt seiner Mutter. Hervorgehoben wird von ihm Nahestehenden immer wieder seine Arbeitsdisziplin, seine Konzentration bei der Arbeit, bei aller Wildheit des ‚Sich-hineinstürzens’ in eine Idee. Heute würde man sagen: Er hat sein Ding gemacht. (Beim Festakt spielte der Bleckeder Komponist und Pianist Florian Fiechtner Sinatra's 'I did it my way') Er ist keiner Laufbahn gefolgt, er ging voran und hat so seinen Weg geschaffen. Natürlich gab es Vorbilder, vor allem Beuys. Aber er hat sich aus dem Schatten des Meisters herausgearbeitet. Zähigkeit, Beharrlichkeit waren seine Kennzeichen. Und so hat er ein imposantes Werk geschaffen und ist wiederum seinen Schülern Vorbild.
Nach Jörg Immendorff wurde 2009 die Hauptschule Bleckede benannt: „Für Jörg Immendorff, der elf Jahre als Hauptschullehrer in Düsseldorf unterrichtete, galten die Worte, dass Kunst unter das Volk gehört.“ So die damalige Schulleiterin Käthe Frank. „Er hat mitten im Leben gestanden und vorgelebt, dass Fleiß und Anstrengung sich lohnen.“
"Siegen heißt für mich, ein gutes Bild zu malen, und wenn das gelingt, siegt man immer, nicht zuletzt über sich selbst."