Hermann Collitz wurde am 4. Februar 1855, einem Sonntag, in Bleckede in der Friedrich-Kücken-Straße 13 geboren. Sein Vater Christian Heinrich war Schlachter und gehörte zu einer alteingesessenen Bürgerfamilie, seine Mutter Friederieke kam aus Barskamp. Er war der einzige Sohn. Seine Schwester Emilie war zwei Jahre älter, die Schwester Elly zwei Jahre jünger.
Das Haus in der Friedrich-Kücken-Straße 13 (Hofstelle 26/29, II. Klasse) wurde vermutlich 1800 gebaut und 1809 von der Familie Collitz erworben. 1962 ging das Haus an Fuhrunternehmer Gustav Lohmann über. Es steht heute noch.
Quelle: Ekkehard Nau
Schulzeit: Sprachen, Sprachen, Sprachen
Schon früh zeigte Hermann Interesse an Sprachen, wohl auch durch den Sprachgebrauch seines sozialen Umfeldes im Wechsel von Niederdeutsch (Platt) und Hochdeutsch. Mit sieben Jahren kam er in die hiesige 1862 gegründete Privatschule (vermutlich von Lehrer Schwantes, Breite Straße 49), mit zwei Klassen in einem Raum. Statt sich auf den Lernstoff der Erstklässler zu konzentrieren hörte er immer wieder dem Unterricht der älteren Schüler in Latein und Französisch zu. Dass er davon profitiert hatte, fiel bei Prüfungen auf. Die Lehrer erkannten, dass Hermann ein besonders begabter Schüler war, und stuften ihn in die höhere Klasse ein. Bald kam als Unterrichtsfach für Hermann Englisch dazu. Mit 13 Jahren konnte er auch noch Griechisch lernen. Da sein Talent für Sprachen erkannt war, durfte er mit 14 Jahren auf das Gymnasium Johanneum in Lüneburg, eine humanistische und sehr sprachorientierte Lehranstalt. Dort legte er 1875, im Alter von 20, sein Abitur ab.
Dass Collitz bei seiner Begabung doch ein ziemlich normaler Schüler war, kann man vielleicht daran erkennen, dass er auch (mindestens) einmal wegen Vergehen gegen die Schulordnung im Karzer des Johanneums saß. Seinen Namen kratzte er in die Karzerwand.
Zwischen Abitur und Studium: mal eben Sanskrit lernen
Das halbe Jahr zwischen Abitur und Studium verbrachte dieser ungewöhnliche junge Mann damit, ‚Sanskrit’ zu lernen. ‚Sanskrit‘ wird später in Collitz’ Berufsleben noch eine wichtige Rolle spielen.
Studium und Graduierung: die richtigen Leute - die wichtigen Kreise
Es überrascht nicht, dass Hermann Collitz mit diesem Interesse und seinen Fähigkeiten das Studium der Klassischen Philologie, Germanistik und Vergleichenden Sprachwissenschaft für sich wählte.
Im Herbst 1875 schrieb er sich an der Georg-August-Universität in Göttingen ein.
Es ist nicht geklärt, was es Collitz ermöglichte, sowohl zum Gymnasium zu gehen als auch anschließend zu studieren. Es gibt einige Hinweise auf häufige Geldsorgen im Studium und dem frühen Berufsleben, die durch die folgenden Beschäftigungen und Professuren sicher gemildert wurden. Aber der Start in die akademische Karriere muss auch durch die Familie ermöglicht worden sein. Eine enorme Leistung für diese Zeit. Erst später bekam Collitz Stipendien.
Für Collitz Entwicklung wurde der 1876 in Göttingen zum Professor für Vergleichende Philologie ernannte August Fick besonders wichtig. Dessen Hauptwerk 'Wörterbuch der indogermanischen Grundsprache' (Göttingen 1868) zeigt die Richtung der künftigen Forschung des jungen Sprachwissenschaftlers. In Göttingen wurde Collitz Mitglied der grammatischen Gesellschaft.
Promotion
Nach dem Sommersemester 1878 in Berlin, wo er u.a. Sanskrit, Keltisch und Slawische Sprachen studierte, wurde er am 24.11.1878 in Göttingen 23jährig durch August Fick promoviert. Seine Dissertation (Promotionsschrift) mit dem Titel ‚Die Entstehung der indoiranischen Palatal-Reihe‘ befasst sich mit der Veränderung der Lautbildung durch Heben der Zunge an den Gaumen.
Diese Fragen nach der Entwicklung und Veränderung von Sprachen und Dialekten sowie dem Ursprung beschäftigten Collitz dann ein ganzes Forscherleben und sind bis heute Gegenstand der Sprachwissenschaften.
Forschungsrichtung
Nach der Promotion kehrte Collitz 1879 nach Berlin zurück und setzte dort mit Hilfe von Stipendien seine Forschung zur Indo-Europäischen Linguistik mit einigen seiner früheren Lehrer fort. Mit Friedrich Bechtel verband ihn sogar eine lebenslange Freundschaft. (externer Link zu F. Bechtel) Collitz befasste sich in dieser Zeit besonders mit der Sammlung griechischer Dialektinschriften, deren Studium wertvolle Erkenntnisse in Bezug auf Sprachverwandtschaften und Sprachentwicklung versprach.
Streit mit Kollegen: das Waldeckische Wörterbuch
1880 vereinbarte er vertraglich mit dem Verein für Niederdeutsche Sprachforschung die Herausgabe des Waldeckischen Wörterbuchs, einer unvollendeten Arbeit des verstorbenen Rechtsanwalts Karl Bauer über den Dialekt im Waldeckischen, der hessischen Region zwischen Korbach und Kassel am heutigen Edersee. Dieser Auftrag führte zu einem massiven Streit zwischen Collitz und dem Verein, da Collitz das zum Druck erforderliche Manuskript nur auf Drängen und unvollständig über Jahre verzögert lieferte. Endgültig veröffentlicht wurde das Wörterbuch erst 1902!
Man kann über die Ursachen von Collitz Verhalten nur mutmaßen. Selbst im Verein für Niederdeutsche Sprachforschung waren sich die Verantwortlichen uneins über den Umgang mit dem säumigen Autor. Das Spannungsverhältnis zwischen Collitz prekärer finanzieller Situation und seinem Selbstbewusstsein als aufstrebender Wissenschaftler mögen zu der Situation beigetragen haben.
Es geht langsam aufwärts
1883 erhielt Collitz an der Universität Halle eine Stelle an der dortigen Bibliothek und hatte damit erstmals ein bescheidenes Gehalt. Er veröffentlichte seine Studien zu Dialektinschriften und setzte die Arbeit seines Vorgängers - Herausgabe von Handbüchern zur Linguistik und Philosophie - fort.
Habilitation
1885, mit 30 Jahren, wurde er in Halle habilitiert mit der Schrift: ‚Die Flexion der Nomina mit dreifacher Stammabstufung im Altindischen und Griechischen – die Casus des Singular‘.
Er erhielt die Professur für Deutsche Philologie, Sanskrit und Vergleichende Sprachwissenschaft in Halle.
Ruf in die USA
Collitz Arbeiten wurden wohl auch in anderen Ländern gelesen und geschätzt, dennoch ist nicht ganz klar, wie es dazu kam, dass er 1886, bereits ein Jahr nach seiner Habilitation, vom Bryn-Mawr-College in Philadelphia (Bundesstaat Pennsylvania) berufen wurde. Er wurde Dozent für Deutsch, ‚Associate Professor‘ (feste Einstiegsposition in die Hochschule). Ab 1887 war er regulärer Professor für Deutsch und Vergleichende Deutsche Philologie. (externer link zu Bryn Mawr)
Das Interesse des amerikanischen Colleges an der deutschen Sprache und die Einrichtung einer Professur für Deutsch war nicht ungewöhnlich. Deutsche gehörten seit der Einwanderung von Europäern in Nordamerika zu den größten Volksgruppen nach den Engländern. Die Kenntnis der deutschen Kultur, vor allem der deutschen Sprache war für den Umgang mit den durchaus erwünschten Immigranten vorteilhaft. Zudem stärkte dieses sichtbare Interesse am Deutschen die Gruppenidentität.
Forschungsarbeit
Collitz suchte nach Verwandtschaften (Kognaten) zwischen den Indo-Europäischen Sprachen, um den Stammbaum dieser Sprachfamilien zu finden.
Dabei verlegte er sich immer mehr auf Studien zur vergleichenden deutschen Philologie. Insbesondere verglich er frühgermanische Sprachen miteinander zur Rekonstruktion eines gemeinsamen Vorläufers, dem Primitiven Germanisch, das wiederum mit anderen Sprachen noch ältere Vorläufer und einen gemeinsamen Ursprung haben könnte. Dabei setzte er sich auch mit politisch-ideologisch geprägten Thesen einer nordisch-arischen Ur-Sprache kritisch auseinander. Er sah im Unterschied zu den Verfechtern eines edlen Germanentums den Ursprung unserer Sprachen eher im Nahen Osten. Das wird später noch eine Rolle spielen.
Ruf an die Johns-Hopkins-Universität
1907 erhielt er einen Ruf an die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore/Maryland auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Deutsche Philologie. Diese private Universität wurde 1876 gegründet, um nach dem Vorbild der Universität Heidelberg Forschung (externer link zu Johns Hopkins)
Aufgrund der Beobachtung von Collitz, dass Niederdeutsch dem Englischen viel ähnlicher erscheint als Hochdeutsch, erhielt das Niederdeutsche mehr Aufmerksamkeit in Studium und Lehre. Seine Lehre und Studien umfassten somit die Sprachen Gotisch, Althochdeutsch, Altnordisch, Altfriesisch und Altsächsisch. Die Johns Hopkins Universität war die einzige Universität in den USA, an der Niederdeutsch und Friesisch regelmäßig angeboten wurde. Collitz gab seinen Studenten Aufgaben zum Heliand (mittelalterliche Schrift über den Erlöser), und zu Schriften von Klaus Groth und Fritz Reuter, die als Begründer der neuen niederdeutschen Literatur gelten.
Hier eine Seite aus dem Heliand in der Originalschrift:
... und hier in moderner Schrift mit Übersetzung:
Und hier ... externer link zu Fritz Reuter
Ehrendoktor
Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit bei Bryn Mawr und Johns Hopkins stärkte und entwickelte die noch junge amerikanische Sprachwissenschaft. Collitz' Arbeiten übten großen Einfluss auf die damalige Diskussion über die indo-europäische Ursprache aus. Die Ehrungen und Ämter nahmen zu: Seit 1902 Mitglied der American Philosophical Society erhielt Collitz 1916 den Ehrendoktor der Universität Chicago und wurde 1924 zum Präsidenten der Linguistic Society of America und 1925 zum Präsidenten der Modern Language Association gewählt. Zu seinem 70sten Geburtstag 1925 wurde eine umfangreiche Festschrift herausgegeben, in der Kolleginnen und Kollegen sogar Gedichte auf ihn veröffentlichten.
Leider gab es in diesem 1969 wieder aufgelegten Band nur wenige Beiträge deutscher Sprachwissenschaftler.
Das Interesse an den Indoeuropäischen / Indogermanischen Sprachen
Die Erforschung der Indoeuropäischen Sprachen hat nicht nachgelassen. Die Frage nach ihren Ursprüngen bewegt die Menschen seit Alters her. Und da Sprache Ausdruck von Kultur ist, und Kultur sich in Denken und Verhalten, in Gebräuchen und Geboten, im Miteinander und Gegeneinander zeigt, haben wir es mit einer Grundkonstante des Menschlichen zu tun. Zudem werden Sprachen indo-europäischen Ursprungs von ca. der Hälfte der Weltbevölkerung gesprochen.
Ganz aktuell geht es immer noch um die Frage, was die Ur-Sprache des Indo-Europäischen – das Proto-Indo-Europäische - sein könnte, und wo sie wohl entstanden ist. Eine Gruppe von 33 Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen um den Linguisten Paul Heggarty, der am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie forscht, veröffentlichte 2023 die Ergebnisse einer umfassenden Studie mit multidisziplinärem Ansatz. Neben Sprachforschern waren auch Anthropologen, Genetiker und Archäologen daran beteiligt.
Demnach scheint es inzwischen sehr wahrscheinlich, dass die Ur-Sprache nicht in der asiatischen Steppe bei Nomaden entstand, sondern eher aus der Region südlich des Kaukasus, vermutlich dem Nord-West-Iran stammt. Diese Gegend liegt unmittelbar neben dem ‚fruchtbaren Halbmond‘ in Mesopotamien (Zweistromland). Hier begann vor ca. 10.000 Jahren eine neue Zeit, als die Menschen sesshaft wurden und anfingen, Ackerbau zu betreiben.
Der Leiter der Studie, Paul Heggarty, teilte unserem Projekt mit, dass die Forschungsrichtung der Studie von der Arbeit Collitz’ profitiert habe. Insbesondere sein begründeter Zweifel daran, dass Sanskrit die Ursprache gewesen sein soll, habe die Forschung vorangetrieben.
Privates Leben
Über das private Leben von Hermann Collitz ist wenig zu erfahren. Collitz heiratete 1904, mit 49 Jahren, die acht Jahre jüngere Klara Hechtenberg (1863-1944), ebenfalls eine Forscherin mit dem Fokus Germanistik, also Deutsche Sprache. Beide waren intensiv mit ihrer sprachwissenschaftlichen Forschung und Lehre beschäftigt. Klara verzichtete sogar auf eine eigene Hochschulkarriere, um ihren Mann bei dessen Arbeit zu unterstützen. Ihre Ehe blieb kinderlos. Nach Deutschland sind beide nie wieder zurückgekehrt. Collitz war 1911 für eine kurze Zeit in Europa, als er an der Jahrhundertfeier der Universität von Oslo teilnahm und später auf einer Rundreise durch Norwegen, Schweden und Dänemark einige seiner Schüler besuchte. Kontakt zu seiner Heimat muss er dennoch gehabt haben, denn als seine beiden Schwestern 1916 starben, ließ er in der Bleckeder Zeitung einen Nachruf auf die Geschwister veröffentlichen.
Tod
Collitz starb hochgeehrt am 13.5.1935 in Baltimore. Nach Klaras Tod 1944 ging beider Vermächtnis an die Linguistic Society of America, die daraufhin eine Professur für Vergleichende Philologie an der Universität Stanford in Kalifornien einrichtete.
Was können wir heute von Hermann Collitz lernen?
Collitz war Wissenschaftler durch und durch. Er ließ sich nicht von Forschungsmoden leiten, blieb kritisch allen Erkenntnissen gegenüber, selbst seinen eigenen. In akribischer Arbeit brachte er Zusammenhänge zu Tage, die andere übersahen. Er nahm auch in Kauf, mit seinen Auffassungen allein dazustehen. Insbesondere seine Einordnung des Sanskrit als verwandte Sprache zu anderen, und nicht als Ursprache des Indo-Europäischen stieß erst auf Ablehnung, führte aber dann zu einer Veränderung der Forschungsrichtung. Collitz war eine Schlüsselperson in einer großen Gruppe von Wissenschaftlern, die vor allem ab Mitte der 1870er Jahre entscheidende Impulse für die moderne sprachwissenschaftliche Forschung gegeben haben. Ohne Collitz wäre die Forschung anders verlaufen.
Das vielfache Lob der Fachkolleginnen und -kollegen gilt neben seiner wissenschaftlichen Qualität seinem zugewandten und freundlichen Wesen. So schreibt Prof. Prokosch in ‚Hermann Collitz in Memoriam‘: „Seine gleichmäßige Güte, seine unbedingte Ehrlichkeit, seine vornehme Bescheidenheit sprach aus jedem seiner Worte, aus jedem Lächeln.“
Nach Hermann Collitz wurde eine Straße in Bleckede benannt.